Sicherheit. Eine Literatur- und Kulturgeschichte des geteilten Deutschlands
Leitung: Dr. Julia Mierbach
Wissenschaftliche Hilfskraft: Joshua Vochtel, M.A.
Kontakt: security.imaginaries@uni-bonn.de
Finanzierung: Argelander Starting Grant , Post-Doktoranden-Stipendium der Daimler-Benz-Stiftung
Projektbeschreibung:
Der Imaginationshorizont „Sicherheit“ prägt nicht nur politische und gesellschaftliche Diskurse seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, sondern auch die Literatur. Dennoch fehlt eine systematische Untersuchung seiner Bedeutung für die deutschsprachige Literatur- und Kulturgeschichte in Ost- und Westdeutschland. Diese Forschungslücke wird durch das Projekt geschlossen.
Ziel ist es, das Thema ‚Sicherheit‘ – in anderen Disziplinen längst als Schlüsselkonzept anerkannt – für die germanistische Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen. Untersucht werden die Transformationen von Sicherheitsvorstellungen in der Literatur auf breiter Materialbasis, die neben literarischen Texten auch Literaturkritik, Feuilletons, Radio, Reden und Manifeste umfasst.
Das Projekt verfolgt drei Teilziele:
Erstens schließt das Projekt Lücken in der Begriffs- und Konzeptgeschichte von ‚Sicherheit‘ und erweitert bestehende Befunde. Dies geschieht zum einen durch eine vergleichende Perspektive auf die ‚entangled history‘ von West- und Ostdeutschland im Kontext des Kalten Kriegs, zum anderen durch eine Rekonstruktion der Ursprünge heutiger Sicherheitsimaginationen im Kontext der Entstehung des modernen Wohlfahrtsstaats seit dem 19. Jahrhundert, seiner Etablierung im 20. Jahrhundert und seiner gegenwärtigen Krise im 21. Jahrhundert.
Zweitens wird eine Alternative zur etablierten Literaturgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts entwickelt, die sich bisher an politischen Zäsuren wie 1945 und 1990 orientiert. Wird „Sicherheit“ – wie in der Zeitgeschichtsforschung – als soziokultureller Orientierungsrahmen verstanden, wird Literaturgeschichte allerdings nicht länger über literaturprogrammatische Brüche und Gruppenbildungen, sondern über eine tiefere diskursive Metastruktur erschließbar. Dadurch werden nicht nur manifeste Zäsuren, sondern auch subtilere Transformationen in Reaktionsmustern, Sprechweisen und langfristigen Programmierungen sichtbar.
Drittens zielt das Projekt auf eine methodische Neuvermessung des Verhältnisses von Literatur, Gesellschaft und Politik in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern aus anderen Disziplinen. Durch eine enge Verzahnung mit der Zeitgeschichte und der Forschung zur politischen Sprache der Gegenwart werden jene ästhetischen und politischen Transformationen untersucht, die bis heute das Denken in Ost- und Westdeutschland prägen.
Veranstaltungsreihe "Unsichere Sicherheiten. Sicherheitsimaginationen in Literatur, Kultur und Politik"
Die Veranstaltungsreihe widmet sich Imaginationen der Sicherheit, ihren historischen Voraussetzungen, symbolischen Ordnungen und ästhetischen Dynamiken. In Vorträgen, Workshops und anderen Formaten diskutieren Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen, wie Sicherheit erzählt, imaginiert und institutionalisiert wird — und wie sie zu einer zentralen Denkfigur des politischen Lebens der Gegenwart werden konnte.
01. und 02. Juli 2026 | Vortrag und Workshop mit Assoc. Prof. Dr. Henning Trüper (Universität Oslo)
Die Veranstaltung steht allen Interessierten offen. Für die Teilnahme am Workshop wird um Anmeldung gebeten (unter: security.imaginaries@uni-bonn.de).
Abendvortrag "Schiffbrüche und Seenöte. Über Unfall, Gewalt, Moralität und Sicherheit"
01. Juli 2026, 18:00 Uhr c.t. | Rabinstr. 8, Seminarraum 10
Ausgehend von zwei extremen Zeugnissen über Schiffbruch und Seenot – dem Bericht der Überlebenden Savigny und Corréard vom Floß der französischen Fregatte Méduse 1816 und dem (weit weniger bekannten) Bericht des KZ-Häftlings Heinrich Mehringer von der Versenkung der Cap Arcona 1945 – widmet sich der Vortrag den Wechselverhältnissen von Unfall und Gewalt in der Moderne. In der Unterscheidung von Unfall und Gewalt lässt sich eine Art Spiegelung der Unterscheidung von Natur und Kultur, von Menschengemachtem und anderweitig Entstandenem erkennen. Wenn man Susan Neimann folgt, scheint die Dichotomie von Unfall und Gewalt, die Frage der Übel, sogar von zentraler, zugleich meist ignorierter Bedeutung für das Verständnis von Wert, Norm, Geschichte und Sicherheit zu sein.
Schon in der Notlage selbst entstehen Fragen des Tauschs und folglich der Tauschbarkeit und also der instabilen Abgrenzung verschiedener Übel und Leiden. Diese Problemlage der Tauschbarkeit hat Auswirkungen auf das tatsächliche Überleben. Zugleich schafft sie eine Möglichkeit für die Historisierung der Notlage aus sich selbst heraus.
Diese Problematik soll in zwei Richtungen entwickelt werden. Erstens beschäftigt sich der Vortrag mit der Frage, was der Befund der instabilen Abgrenzung der Übel für das Verständnis moralischer Kultur in der Moderne bedeutet, insbesondere für die Entstehung einer neuen moraltheoretischen Funktion des überlebenden Zeugen und für die Frage des moralischen Glücks. Zweitens sollen die Zusammenhänge der Problematik mit Verständnis und Imagination der zunehmenden Sicherheit – als einer dominanten spontanen Geschichtsphilosophie der Moderne – herausgearbeitet werden.
Der Vortrag findet in Kooperation mit dem Bonner literatur- und kulturwissenschaftlichen Kolloquium statt.
Workshop "Das Brett des Karneades. Zu Geschichte moralischer Dilemmata"
02. Juli 2026, 10:00-13:30 Uhr | Rabinstr. 8, Dekanatssaal (Rabinstr. 8, 5. Stock, Raum 5.057)
Im Workshop mit Henning Trüper werden am Folgetag philosophische und literarische Szenen des sogenannten »Karneades«-Problems diskutiert. Kurzimpulse im Workshop geben Prof. Dr. Franziska Jekel-Twittmann, Prof. Dr. Johannes Lehmann und Joshua Vochtel, M.A.
Eine Textgrundlage wird nach Anmeldung unter security.imaginaries@uni-bonn.de zirkuliert.
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Henning Trüper ist Associate Professor für Ideengeschichte an der Universität Oslo. Er war zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin und dort verantwortlich für das ERC-Forschungsprojekt »Archipelagic Imperatives: Shipwreck and Lifesaving in European Societies since 1800«. Veröffentlichungen u. a.: Unsterbliche Werte: Über Historizität und Historisierung (2024); Seuchenjahr (2021); Orientalism, Philology, and the Illegibility of the Modern World (2020).
KONTAKT
Dr. Julia Mierbach Akademische Rätin a.Z.
Raum 1.027
Rabinstr. 8
53111 Bonn