Isabell Maria Bläßer

„Krankheit zwischen Körper, Erfahrung und Gesellschaft. Zur Funktion von Lepra in mittelhochdeutschen Texten im Spannungsfeld von Disease, Illness und Sickness“

Kurzbiographie

  • 2002-2005 Ausbildung zur staatlich geprüften kaufmännischen Assistentin für Datenverarbeitung
  • 2007-2010 Weiterbildungskolleg der Stadt Siegen (Abendgymnasium)
  • 2010-2014 Bachelorstudium der Germanistik und Geschichte an der Uni Bonn,
    Titel der Abschlussarbeit: „Intertextuelle Bezüge im ‚Gauriel von Muntabel‘ des Konrad von Stoffeln“
  • 2014-2017 Masterstudium der Germanistik an der Uni Bonn, Titel der Abschlussarbeit: „… ‚unz er wol geheiltet was‘ – Krankheit, Verwundung und Heilung in der Epik des Hochmittelalters“
  • seit SoSe 2018: Promotion an der Uni Bonn zum Thema „Krankheit zwischen Körper, Erfahrung und Gesellschaft. Zur Funktion von Lepra in mittelhochdeutschen Texten im Spannungsfeld von Disease, Illness und Sickness“ 
  • Juni 2018-Sept. 2023: Assistenz im Büro der ständigen Kanzlervertreterin und Teamassistenz im Dezernat 4, Abteilung 4.5
  • Seit September 2023: Teamassistenz im Zentralen Gleichstellungsbüro der Universität Bonn

Forschungsinteressen

  • Krankheit und Heilung in der mittelalterlichen Literatur
  • Körper, Krankheitserfahrung und soziale Zuschreibungen
  • Lepra und ihre literarischen Deutungen
  • Herrschaft, Religion und Heilung in legendarischen Erzählungen
  • Artusepik des Hoch- und Spätmittelalters
  • Intertextualität und Stofftraditionen
  • Kommunikationsmodelle und zwischenmenschliche Verständigung

Projektbeschreibung

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie Krankheit in literarischen Texten dargestellt, gedeutet und für den Verlauf der Erzählung wirksam wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, was eine Erkrankung über den körperlichen Zustand einer Figur hinaus bedeutet: Wie erlebt die Figur ihr Kranksein? Wie reagieren andere darauf? Und welche Vorstellungen von Heilung, sozialer Zugehörigkeit und Ordnung werden dabei sichtbar?

Das Hauptkorpus bilden die Silvesterlegende der Kaiserchronik, Hartmanns von Aue Der arme Heinrich und Konrads von Würzburg Engelhard. Die Texte gestalten Krankheit in unterschiedlichen erzählerischen Zusammenhängen. In der Kaiserchronik etwa wird Konstantins schwere Erkrankung nicht eindeutig benannt, obwohl andere Bearbeitungen der Silvesterlegende sie als Aussatz bezeichnen. Seine Krankheit setzt eine Folge von Entscheidungen und Begegnungen in Gang, die schließlich seine körperliche Heilung mit einer religiösen und politischen Neuorientierung verbinden. An solchen Unterschieden lässt sich untersuchen, welche Bedeutung eine Krankheitsbezeichnung hat – und was sich über eine Erkrankung sagen lässt, wenn der Text diagnostisch offen bleibt.

Methodisch verbindet die Arbeit die Unterscheidung zwischen körperlicher Erkrankung (disease), individueller Erfahrung des Krankseins (illness) und dessen sozialer Bedeutung (sickness) mit Byron J. Goods Konzept semantischer Netzwerke. Krankheit wird damit als ein Gefüge aus körperlichen Zeichen, Wahrnehmungen, Äußerungen, Handlungen und Reaktionen betrachtet. Die drei Dimensionen werden zunächst getrennt analysiert und anschließend aufeinander bezogen: Eine körperliche Veränderung, ihre Deutung durch die Figur und ihre sozialen Folgen müssen im Verlauf einer Erzählung nicht gleichzeitig eintreten oder dieselbe Bedeutung haben.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Darstellung von Lepra. Das Projekt fragt, wann Texte eine Erkrankung ausdrücklich als Aussatz kennzeichnen, welche Vorstellungen sie damit verbinden und ob Reaktionen wie Distanzierung tatsächlich als Ausgrenzung beschrieben werden können. Ergänzende Betrachtungen des Tristan-Stoffs und ein Vergleich mit Gail Tsukiyamas Roman The Samurai’s Garden erweitern den Blick auf die unterschiedlichen Funktionen von Krankheit in mittelalterlichen und modernen Erzählzusammenhängen.


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